Facebookjunkie-Versuch: Facebook ist cooler als echtes Leben. Mehr Likes.

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Als Facebookjunkie unterwegs im echten Leben. Der große Versuch, mit ersten Erfahrungen und praktischen Tipps und Tricks.

Immer öfter hört man auf Facebook, dass irgendwelche Leute im „echten Leben“ unterwegs sind und daraus für sich etwas ziehen können. Da sind wir natürlich gleich ganz neugierig geworden und wollten uns das mal genauer anschauen. Ein erster Überblick und eine grobe Einschätzung mit praktischen Tipps, um klassische Anfängerfehler zu vermeiden.

1. Voraussetzungen

Hier hat das echte Leben echt die Nase vorn! Man braucht weder einen Computer noch den dazugehörigen Strom noch ein Handy, wo man schon wieder die Datenflat oder den Akku aufgebraucht hat. Das echte Leben lädt rund um die Uhr nach, wird auch nicht nach der Hälfte des Monats langsamer und läuft angeblich sogar vollautomatisch weiter, wenn Nachts der eigene Akku alle ist.

Klarer Pluspunkt: echtes Leben.

 2. Zugang und Anmeldung

Auch hier ein großes „Like“ fürs echte Leben: Anstatt sich mit Formularen, E-Mails, Sicherheitsabfragen, vergessenen Passwörtern oder vergessenen Ladekabeln auseinanderzusetzen, gilt als aktiver Teilnehmer, wer morgens aufsteht. Das Programm lässt sich hier sogar noch erweitern, indem man sich wäscht, anzieht und durch die Tür rausgeht.

Jedoch muss man fairerweise sagen: Wer die Facebook-App erst einmal installiert hat, verschwendet mit dem Antippen des blauen „f“ wesentlich weniger Energie. Hier kann das echte Leben durchaus noch nachbessern!

Facebook & echtes Leben: jeweils ein Like.

3. Freunde finden

Es leben knapp 7 Milliarden Menschen auf der Erde, die alle mehr oder weniger am echten Leben teilnehmen. Im Gegensatz dazu sind es gerade mal popelige 1,3 Milliarden bei Facebook. Das müsste ja eigentlich bedeuten, dass im echten Leben die Chancen durchaus höher stehen auf eine fette Freundesliste.

Wie erwartet, ist es doch irgendwie komplexer. Zu Beginn der Freundessuche kann man davon ausgehen, dass man, ähnlich wie bei Facebook, bereits mit einem Grundstock startet. Also irgendein Larry aus dem Kindergarten, der aus irgendeinem Grund schon immer dabei gewesen ist und sich mit der ganzen Chose bereits vertraut gemacht hat. Über diese Person lernt man dann im Idealfall andere Leute kennen.

Am Anfang etwas ungewöhnlich im echten Leben: Das Kennlernen von potentiellen Freundesliste-Kandidaten erfolgt abhängig vom geografischen Standort. Das kennt man bei Facebook anders.
Die im Facebook manchmal recht hilfreiche Vorschlags-Funktion „Leute, die du vielleicht kennst“ lässt sich im echten Leben ganz gut mit Alkohol oder anderen Lockermachern emulieren.

Hierzu gleich ein Life-Pro-Tipp:
Auch wenn es einfach klingt, es bringt im echten Leben meistens nichts, die Leute mit einem „Willst du jetzt mein Freund sein?“ zu traktieren: Gerade wenn Alkohol im Spiel ist, gibt es in diesem Moment keine ehrliche Antwort.

Und die Nachteile eines einfachen „Angenommen“ überwiegen im echten Leben leider im Gegensatz zu Facebook. Es hängen Verpflichtungen, sich-Melden-müssen und das ganze soziale Gedöns dran.

Besonderheit im echten Leben: Es gibt dort Freunde, die man auf Facebook ohne weiteres und innerhalb kürzester Zeit blockieren würde. Man spricht dort von: „Manchmal kann man sich’s eben nicht aussuchen“.

Für die einfache Blockier-Funktion geht hier das „Like“ ganz klar an Facebook.

4. Timeline

Riesen Unterschied hier: Im echten Leben gibt es sie nicht. Was man sieht, passiert auch wirklich. Und zwar sogar in dem gleichen Moment! Man kann sich aber mit ->Freunden über Sachen unterhalten, die gestern oder vor 10 Jahren passiert sind. Meistens handelt es sich in der Erzählung jedoch nicht um die Originalgeschichte, so wie man sie beim Zurück-Swipen in der Facebook-Timeline wiederfinden würde.

Zusätzlich lassen sich im echten Leben Konversationen über zukünftige Ereignisse im aktuellen Moment unterbringen. Das führt teil- und verrückterweise bei nahezu allen Teilnehmern am echten Leben zu Reaktionen auf Dinge, die noch gar nicht passiert sind.

Ob Vor- oder Nachteil: Die Funktion, um zu sehen, wer was morgen posten könnte, gibt es bei Facebook noch nicht. Zumindest nicht öffentlich.

Facebook & echtes Leben: jeweils ein Like.

5. Liken

Funktioniert im „echten Leben“ anscheinend komplett anders. Es bringt hier wenig, mit hochgerecktem Daumen durch die Kante zu laufen und sich dabei umzugucken, ob die Freunde auch sehen, wie sehr man gerade „die Sonne, yeah!“, „voll lustiger Artikel, geil ;)!“ oder quasi jeden anderen Furz „like-t“. Erstens -würde man sein niedrigschwelliges Facebook-Like-Verhalten im echten Leben ansetzen- kommt man aus dem „gut-finden“ nicht mehr heraus. Es gibt hier rund um die Uhr so viel zu liken – echt fett!

Im echten Leben existieren aber zum „Like-Button“ analoge Instrumente, die bedachter und gezielter eingesetzt werden. So hat sich in größeren Gruppen das „Hände Klatschen“ durchgesetzt, wenn man etwas gut findet. Besonderheit hier: Das Klatschen gilt meistens einer vollkommen fremden Person die etwas gemacht hat, was man gemeinsam mit anderen gut findet. Im echten Leben klatscht man zum Beispiel eher selten spontan draußen alleine wegen „die Sonne, yeah!“ oder weil man gerade einen „voll lustiger Artikel, ;)!“ gelesen hat, um dann beim Klatschen gesehen zu werden, wie man irgendetwas anderes beklatscht, damit man von jemand anderem, für das, was man beklatscht hat, beklatscht werden kann. Das echte Leben lässt sich hier einfacher bedienen, als wir es erwartet hätten.

Pluspunkt echtes Leben.

6. Diskussionen und Kommentare

Spontane Kommentare zu den Aktionen anderer Teilnehmer sind im echten Leben möglich, aber nicht zu jedem Thema notwendig. „Das sieht aber lecker aus!“ ist -ganz ähnlich wie bei Food-Porn-Posts auf dem FB- gängig. „Du Hurensohn, verrecke!“ als Kommentar auf den öffentlichen Hinweis, dass man immer noch Fleisch oder gar kein Fleisch mehr isst, wirken im echten Leben oft etwas übers Ziel hinaus geschossen.

Ähnlich verhält es sich mit Diskussionen im echten Leben zu aktuellen gesellschaftlichen oder politischen Themen. Sie sind komplett sinnlos und führen zu nichts. Denn man kann hier einfach nicht nachvollziehen, auf welchen Gesprächs-Strang sich das Gesagte bezieht oder wer wen zuerst beschimpft hat. Außerdem kann man im echten Leben überflüssige Kommentare nicht entfernen oder so tun, als hätte es jemand Anderes gesagt (Fake-Profil ist hier keine Option.). Das ist schade, weil man hier nicht wie auf Facebook einfach drauf los ballern kann.

Für die grenzenlose Diskussion- & Kommentarkultur geht das Like hier an Facebook.

7. Geburtstage im echten Leben

Schade ist hier, dass man nicht weiß und auch von niemandem informiert wird, wer gerade Geburtstag hat. Andererseits erspart man sich damit aber auch, jedes Mal zusammen mit einem Haufen anderer „Freunde“ zu den Geburtstagskindern hin zu tingeln, um dort mit Kreide ein gut gemeintes „Happy Happy!“ an die Tür kritzeln zu müssen.

Facebook & echtes Leben: jeweils ein Like

8. Kinder- und Tierfotos

Das Interesse an Bildern der eigenen Kinder ist im echten Leben gleich hoch wie im Facebook. Jedoch stösst im echten Leben das Fotoalbum-auf-den-Bürokollegen-Tisch-Knallen, mit einem stolzen „Guck’s dir an!!“, nur auf Zwangshöflichkeit; während man für eine Kinderfoto-Album-Veröffentlichung bei Facebook schon mal das Ladekabel in Reichweite haben sollte. Bei so einer Aktion donnert’s dort die Benachrichtigungen über echte Likes nämlich nur so rein. Und das zieht Akku.

Zur Veröffentlichung von Katzenbildern sollte man sich gleich an den Starkstrom anschliessen und im Atomkraftwerk Bescheid geben. Im echten Leben ist die Reaktion auf ein T-Shirt mit der eigenen Mieze eher verhalten bis peinlich berührt.

Es gibt aber im echten Leben eine subtilere Art, mitzuteilen, wie stolz man darauf ist, dass eigene Racker den Fortbestand des Familien-Genpools gesichert haben: Vornamensaufkleber auf Heckscheiben. Als stolzer Papa wird man leider nie herausfinden, wie sehr sich die Leute, die hinter einem fahren, über diese tollen Vornamen freuen: „Hm, was für ein exquisiter Vornamengeschmack. Es müssen tolle Menschen sein. Toll, dass sie Kinder gemacht haben!“

Bei einem Test an einer Ampel , wo wir einfach mal aussteigen mussten und dem Fahrer im Fahrzeug vor uns mit hochgerecktem Daumen mitteilen wollten, wie geil wir „Schanin, Maik & Träwor“ finden, bekamen wir eine ähnliche Reaktion wie man sie in den Kommentaren erleben kann, wenn ein öffentlich-rechtlicher Sender News zu einem aktuellen, gesellschaftspolitischen Thema auf Facebook veröffentlicht.

Das Like für einfache Kinder- und Katzenlikes geht hier der Einfachheit halber an Facebook.

9. Angeben / Irgendwo sein / Urlaubsbilder

Wer kennt sie nicht, die beliebten Sprünge einer fröhlichen Facebookfreundin vor der untergehenden Sonne vorm Meer, das Duckface mit „Peace“-Fingerzeichen, synchron zu den anderen Freundinnen mit „Peace“-Fingerzeichen, mit tiefem Ausschnitt, bei irgendeinem Konzert/Party/Keller/WG/Garage/Muttis Grillfest? Oder die eigenen Füße vorm Strand/Wasser/Pool/Hängemattenstoff/in FlipFlops mit Hastag „#blessed“? Oder das bescheidene und subtile „Freund is @VIP-Lounge Airport Los Angeles“, einfach so, ohne Bild, nur dieses geile Statement?

Das geht im echten Leben natürlich auch, hat aber bei weitem nicht den gleichen, geilen Effekt. Rumspringen am Sandstrand mag vielleicht noch das ein- oder andere „Yolo“ aus den Mitgereisten hervorlocken. Aber meistens sind bei solchen Aktionen keine „Freunde“ in der Nähe, denen man zeigen könnte, dass man gerade irgendwo Besonderes besonders ist. Und die Leute, die vor Ort sind, sind ja selber mit vor Ort – was die Angeberei damit komplett überflüssig macht.

Facebook liefert hier eindeutig die besseren Tools, ein „Like“!

10. Abmeldung

Bei Facebook kann man als „Freund“ quasi als Karteileiche vor sich hindümpeln und bekommt dennoch alles im „Freundeskreis“ mit. So ein Dasein wäre im echten Leben, mit all seinen Verpflichtungen und merkwürdigen Nuancen in der zwischenmenschlichen Kommunikation, nahezu unmöglich. Man kann sich zwar aus dem laufenden Prozess eine Weile rausnehmen. Ist dann aber auch für die besagte Zeit wirklich raus.

Die Abmeldung ist im echten Leben, zumindest im laufenden Betrieb, ähnlich aufwändig wie bei Facebook und gelingt auch hier nicht immer. Dafür gibt es aber angeblich für jeden einen vorgegebene Termin zur endgültigen Abmeldung, der sich aus verschiedenen, komplett undurchsichtigen Faktoren, wie Teilnahmezeit oder auch Intensität der Teilnahme, berechnet.

Auch wenn Facebook einem den Ausstieg hier nicht einfach macht, geht der Punkt immer noch an Facebook, weil ja nach einem Ausstieg auf jeden Fall als Fallback noch das echte Leben herhalten kann.

Alles in allem gewinnt Facebook mit 7 Likes gegenüber 5 fürs echte Leben. Trotzdem ist ein Blick ins echte Leben durchaus lohnenswert und liefert auch eine Menge Anregungen fürs Facebook. Wer sich erstmal nicht die Füße schmutzig, sondern nur ein bißchen naß machen möchte, kann es mit einem schrittweisen Einstieg probieren und zum Beispiel als Challenge für eine gewisse Zeit das Smartphone weglegen. Das Alternativprogramm fährt dann von alleine hoch.

Hier noch eine Dokumentation mit ersten Eindrücken aus dem „echten Leben“:

(Bild CC von Rodrigo Soldon)

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